Archiv für Juli 2003

Espresso I: Espressomaschinen-Aufrüstung im Shop-Sharing, ein spannender Einkauf

Mittwoch, 16. Juli 2003

Ich trinke gern Espresso. In Deutschland hat in den letzten Jahren eine allgemeine Espressomaschinen-Aufrüstung stattgefunden, an der habe auch ich teil genommen. Erst die Aluminiumkanne (was da raus kam, war oft nur verbrannter Kaffee), dann eine kleine Maschine von Krupps, die hat den Kaffee nicht verbrannt, machte ihn aber nicht heiß, und der Schaum war auch nicht das Wahre. Naja, falls Ihr Intellektuelle in meinem Alter seid, habt Ihr sicher die gleiche Entwicklung durchgemacht und kennt das.
Am Ende der großen Internetblase, kurz vor dem Zusammenbruch des Neuen Marktes, habe ich mir eine Jura Subito gekauft, eine Kaffeemaschine für 500 Mark.

500 Mark!

Ich hätte früher nie gedacht, dass ich mal 500 Mark für eine Kaffeemaschine ausgebe.
Habe ich auch nicht.
Es waren nur 400 Mark, und jetzt kommt die Erklärung, was meine Espressomaschine mit der Internetblase zu tun hat.
Eine der tollen Geschäftsideen am Neuen Markt war die Firma Letsbuyit.com. Das Prinzip war: Wenn einer zehn Fernseher kauft, kriegt er Mengenrabatt, wenn zehn Leute zehn Fernseher kaufen, kriegen sie normalerweise keinen Mengenrabatt, weil ja jeder nur einen kauft. Also müssen sich die zehn Leute zusammentun und einmal zehn statt zehnmal ein Fernseher bestellen, und das Netz, das alle verbindet, in dem sich alle Fernseher-Käufer in Deutschland suchen und finden ist das wunderbare Internet im allgemeinen, beziehungsweise das Kaufportal Letsbuyit.com im Speziellen.
Klasse Idee.
Das Ganze nannte sich Power-Shopping, was ein blödsinniger Name ist. Wenn euch Sammelbestellung (so hieß das früher bei Quelle) zu unaufgeblasen ist, dann sagt wenigstens: Shop-Sharing.
Die Espressomaschine Jura-Subito sollte im Shop-Sharing bei Letsbuyit.com 450 Mark kosten, falls sich mindestens fünf, oder 400 Mark, falls sich mindesten zehn Sharing-Shopper fänden. Versandkosten inklusive.
Das war unschlagbar. Das übertraf sogar das kurzfristige Sonderangebot bei Saturn (459 Mark), das ich ohnehin verpasst hatte.
Die Jura-Subito gilt vielen (ich finde, mit Recht) als die beste Espressomaschine für den Hausgebrauch, besser als die doppelt so teuren Allesineinemgeräte (All-in-one-machine-machines). Wer frisch gemahlenen Kaffee möchte, braucht allerdings zusätzlich eine Mühle.
Jedenfalls. Ich habe sofort bestellt. Und natürlich fanden sich mehr als zehn Käufer, denn neben den Intellektuellen waren auch die Internetfreaks am Erwerb vernünftiger Espressomaschinen interessiert.
Wir waren Pioniere. Damals wurde ja über’s Internet außer Aktien von Internet-Firmen kaum was verkauft. (Angeboten schon, aber nicht wirklich verkauft.) Wir jedoch, wir mindestens zehn Sharing-Shopper, waren Pioniere und schlau und nutzten die Möglichkeiten des neuen Mediums. Wieso sich Letsbuyit.com diese großartigen Rabatte leisten konnte, wusste ich übrigens nicht. Auch Saturn wird ja wohl mehr als zehn Subitos verkauft haben. Aber egal.
Von den mindestestens zehn schlauen Käufern, war ich vermutlich der Schlauste. Ich wollte nämlich auch noch die Nachnahmegebühr sparen. Man hatte die Wahl, Zahlung per Kreditkarte im Voraus oder Zahlung per Nachnahme. Im zweiten Fall zahlt man erst, wenn das Paket wirklich kommt, im ersten Fall zahlt man immer.
Aber man spart Gebühren.
Und dann beginnt das Drama.
Zwei Tage nach meiner Bestellung und erfolgter Abbuchung von meinem Kreditkartenkonto, wirklich nur zwei Tage später, kurz nach Weihnachten übrigens, erfolgte eine Adhoc-Meldung.
Wolltet ihr auch mal nie mehr arbeiten und von Kursgewinnen leben? Dann wisst ihr, was das ist. Die Adhoc-Meldung lautete: „Konkursverfahren nach niederländischem Recht über Letsbuyit.com eröffnet.“
Es kam sogar in der Tagesschau. Ich weiß nicht, ob heute noch jemand mit den Namen Letsbuyit.com was anzufangen weiß, aber damals waren manche inzwischen vergleichsweise wertlose Firmen millardenschwere Unternehmen, weil ja alle Welt die Aktien kaufte und Geld hinein pumpte. Und also kamen solche Meldungen sogar in der Tagesschau.
Nicht nur die Aktionäre zitterten.
Mindestenstens zehn Sharing-Shopper mussten darum bangen, ob sie jemals ihre schöne Jura-Subito bekommen, und mindestens einer von ihnen war ein Esel und hatte sie im Voraus bezahlt. Dieser eine Esel war ich.
In den nächsten Tagen las ich aufmerksam den Finanzmarktteil der Frankfurter Allgemeinen.
Es gab Rettungsversuche, der Konkurs war noch nicht ausgemacht. Dann wieder Scheitern der Verhandlungen. Es war ein ziemliches Auf und Ab, beziehungsweise, wie bei allen Engagements im Neuen Markt in dieser Phase, eher ein Ab.
Aber dann klingelte doch der Postbote und brachte meine Jura-Subito. Halleluja!
Falls ihr mal bei mir Espresso trinken solltet, werdet ihr an diese Geschichte denken. Und sagt nix gegen mein Espresso!

Ein deutsch Ding ein deutsch Wort

Mittwoch, 09. Juli 2003

Natürlich (also von Natur aus) ist die deutsche Sprache nicht eindeutig genug, was zu furchtbaren Verwechslungen führen kann.
Ein Beispiel aus dem Alltag: Der Lehrer, der mit einem Stapel Papier vor dem Grundkurs Biologie steht und das Zeug verteilen soll, der kann doch nicht einfach sagen: „Hier, eure Zettel.“ Wie würde das klingen? In den Dingern steckt die Arbeit eines halben Wochenendes. Zettel, ich bitte euch.
„Flyer“ ist aber auch Scheiße. Das hieß früher Flugblatt (und seit Möllemanns Flyer würde Fluchblatt passen.) Also, „Flyer“ geht nicht. Man kann an den Grundkurs Bio nicht Flyer verteilen, außer, wenn man ihn zur Fete einlädt.
Und Blätter, das könnten ja auch die Blädder vom Baum sein. Es könnte sein, dass ein Lehrer, eine Lehrerin sagt, und ein Schüler, eine Schülerin hört: „Ich verteile jetzt die Blädder“, und der Schüler, die Schülerin denkt, es wären die Blädder von einem Baum. Das gäbe ein großes Durcheinander.
Wir Deutschen sind aber nicht für Durcheinander, sondern für Ordnung. Eindeutig ist bekanntlich die hochdeutsche Schreibweise für das sächsische Eindeutsch, womit der Sachse ursprünglich meinte: Ein deutsch Ding ein deutsch Wort.
Nur gibt es in Deutschland längst nicht mehr nur deutsche Dinge und vor allem mehr Dinge als deutsche Wörter.
Schon der Gang durch einen mittelgroßen Supermarkt verdattert uns heutzutage zur Sprachlosigkeit, weil wir einfach keine Ausdrücke mehr haben für all das, was es dort so gibt.
Unsere Vorfahren haben zuerst versucht, irgendwelche vorhandenen Wörter zu verwenden und zur Unterscheidung die Schreibweise zu verändern.
Also Weise (Art) und Waise (elternlos) oder Seite (im Buch) und Saite (auf der Geige) , was keine sehr eleganten Beispiele sind, weil das eine nichts mit dem anderen zu tun hat. Schöner wäre die Unterscheidung Telephon (mit Wählscheibe) , Telefon (mit Tasten) , Telefohn (schnurlos im Festnetz) und Teelefohn (schnurlos mobil).
Aber eigentlich ist das alles Quatsch, weil man die Unterschiede ja nicht hört. Wie soll ich am Teelefohn ohne zu buchstabieren meinem Gesprächspartner klarmachen, dass ich gerade mit einem Teelefohn teelefohniere? Gut, der Italiener würde das Problem mit Gestikulieren lösen. Aber der Deutsche?
Um eindeutsch zu sein, ist er neudeutsch geworden. Der neudeutsche Lehrer verteilt die Arbeitsblätter und sagt: „Ich verteile jetzt die Blädder, auf neudeutsch Handouts.“
Da denkt dann niemand, es wären die Blädder vom Baum.