Espresso I: Espressomaschinen-Aufrüstung im Shop-Sharing, ein spannender Einkauf

Ich trinke gern Espresso. In Deutschland hat in den letzten Jahren eine allgemeine Espressomaschinen-Aufrüstung stattgefunden, an der habe auch ich teil genommen. Erst die Aluminiumkanne (was da raus kam, war oft nur verbrannter Kaffee), dann eine kleine Maschine von Krupps, die hat den Kaffee nicht verbrannt, machte ihn aber nicht heiß, und der Schaum war auch nicht das Wahre. Naja, falls Ihr Intellektuelle in meinem Alter seid, habt Ihr sicher die gleiche Entwicklung durchgemacht und kennt das.
Am Ende der großen Internetblase, kurz vor dem Zusammenbruch des Neuen Marktes, habe ich mir eine Jura Subito gekauft, eine Kaffeemaschine für 500 Mark.

500 Mark!

Ich hätte früher nie gedacht, dass ich mal 500 Mark für eine Kaffeemaschine ausgebe.
Habe ich auch nicht.
Es waren nur 400 Mark, und jetzt kommt die Erklärung, was meine Espressomaschine mit der Internetblase zu tun hat.
Eine der tollen Geschäftsideen am Neuen Markt war die Firma Letsbuyit.com. Das Prinzip war: Wenn einer zehn Fernseher kauft, kriegt er Mengenrabatt, wenn zehn Leute zehn Fernseher kaufen, kriegen sie normalerweise keinen Mengenrabatt, weil ja jeder nur einen kauft. Also müssen sich die zehn Leute zusammentun und einmal zehn statt zehnmal ein Fernseher bestellen, und das Netz, das alle verbindet, in dem sich alle Fernseher-Käufer in Deutschland suchen und finden ist das wunderbare Internet im allgemeinen, beziehungsweise das Kaufportal Letsbuyit.com im Speziellen.
Klasse Idee.
Das Ganze nannte sich Power-Shopping, was ein blödsinniger Name ist. Wenn euch Sammelbestellung (so hieß das früher bei Quelle) zu unaufgeblasen ist, dann sagt wenigstens: Shop-Sharing.
Die Espressomaschine Jura-Subito sollte im Shop-Sharing bei Letsbuyit.com 450 Mark kosten, falls sich mindestens fünf, oder 400 Mark, falls sich mindesten zehn Sharing-Shopper fänden. Versandkosten inklusive.
Das war unschlagbar. Das übertraf sogar das kurzfristige Sonderangebot bei Saturn (459 Mark), das ich ohnehin verpasst hatte.
Die Jura-Subito gilt vielen (ich finde, mit Recht) als die beste Espressomaschine für den Hausgebrauch, besser als die doppelt so teuren Allesineinemgeräte (All-in-one-machine-machines). Wer frisch gemahlenen Kaffee möchte, braucht allerdings zusätzlich eine Mühle.
Jedenfalls. Ich habe sofort bestellt. Und natürlich fanden sich mehr als zehn Käufer, denn neben den Intellektuellen waren auch die Internetfreaks am Erwerb vernünftiger Espressomaschinen interessiert.
Wir waren Pioniere. Damals wurde ja über’s Internet außer Aktien von Internet-Firmen kaum was verkauft. (Angeboten schon, aber nicht wirklich verkauft.) Wir jedoch, wir mindestens zehn Sharing-Shopper, waren Pioniere und schlau und nutzten die Möglichkeiten des neuen Mediums. Wieso sich Letsbuyit.com diese großartigen Rabatte leisten konnte, wusste ich übrigens nicht. Auch Saturn wird ja wohl mehr als zehn Subitos verkauft haben. Aber egal.
Von den mindestestens zehn schlauen Käufern, war ich vermutlich der Schlauste. Ich wollte nämlich auch noch die Nachnahmegebühr sparen. Man hatte die Wahl, Zahlung per Kreditkarte im Voraus oder Zahlung per Nachnahme. Im zweiten Fall zahlt man erst, wenn das Paket wirklich kommt, im ersten Fall zahlt man immer.
Aber man spart Gebühren.
Und dann beginnt das Drama.
Zwei Tage nach meiner Bestellung und erfolgter Abbuchung von meinem Kreditkartenkonto, wirklich nur zwei Tage später, kurz nach Weihnachten übrigens, erfolgte eine Adhoc-Meldung.
Wolltet ihr auch mal nie mehr arbeiten und von Kursgewinnen leben? Dann wisst ihr, was das ist. Die Adhoc-Meldung lautete: „Konkursverfahren nach niederländischem Recht über Letsbuyit.com eröffnet.“
Es kam sogar in der Tagesschau. Ich weiß nicht, ob heute noch jemand mit den Namen Letsbuyit.com was anzufangen weiß, aber damals waren manche inzwischen vergleichsweise wertlose Firmen millardenschwere Unternehmen, weil ja alle Welt die Aktien kaufte und Geld hinein pumpte. Und also kamen solche Meldungen sogar in der Tagesschau.
Nicht nur die Aktionäre zitterten.
Mindestenstens zehn Sharing-Shopper mussten darum bangen, ob sie jemals ihre schöne Jura-Subito bekommen, und mindestens einer von ihnen war ein Esel und hatte sie im Voraus bezahlt. Dieser eine Esel war ich.
In den nächsten Tagen las ich aufmerksam den Finanzmarktteil der Frankfurter Allgemeinen.
Es gab Rettungsversuche, der Konkurs war noch nicht ausgemacht. Dann wieder Scheitern der Verhandlungen. Es war ein ziemliches Auf und Ab, beziehungsweise, wie bei allen Engagements im Neuen Markt in dieser Phase, eher ein Ab.
Aber dann klingelte doch der Postbote und brachte meine Jura-Subito. Halleluja!
Falls ihr mal bei mir Espresso trinken solltet, werdet ihr an diese Geschichte denken. Und sagt nix gegen mein Espresso!

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